Okay, die Bekanntmachung mit der Mensa ist ja schon mal einigermaßen gut verlaufen.

Mein Plan ist aufgegangen: Da ich als eine der ersten zum Mittagessen erschienen bin, musste ich mich zu niemanden an den Tisch setzen, sondern die anderen Schüler sich zu mir. Zwar scheint das magische Etwas, das Menschen von jeher davon abhält, sich in meine Nähe zu begeben, seine Wirkung auch nach diesen Sommerferien nicht verloren zu haben, aber diesmale hatte ich zumindest mehr Glück, als an der letzten Schule. Der Mangel an Sitzplätzen hatte dazu geführt, dass ich bald von Jugendlichen umringt war, obwohl die offensichtlich beliebten Mädchen definitiv auf Abstand gegangen waren. Ich hatte mich zwischen zwei Cliquen befunden; dem Außenseiterclub (er ist erfreulich groß an dieser Schule) und einer Gruppe von Jungs, die nicht nur ziemlich normal, sondern auch cool wirkten. Jedenfalls hatten sie keine Anstalten gemacht, die Außenseiter zu vertreiben oder mobben. Mit zwei von ihnen hatte ich sogar erfolgreich Smalltalk betrieben. Ich weiß zwar nicht, ob sie immer so freundlich sind, aber während des Gesprächs machten sie einen relativ netten Eindruck auf mich.

Das Essen stellt ebenfalls eine deutliche Verbesserung zur letzten Mensa dar. Außer in Sachen Preis. Aber es ist ja nicht mein Geld. Es war die Idee meiner Eltern, mich hierher zu schicken, das dürfen sie jetzt auch ausbaden.

8.11.15 23:34, kommentieren

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Schultern straffen. Rücken durchdrücken. Tief durchatmen. Keine Angst zeigen.

Sie können Schüchternheit riechen wie Hunde den Schweiß. Wenn du ihnen deine Schwäche offen zeigst, landest du schon am ersten Tag am Boden der Hackordnung. 

Kack Hackordnung. Auch wenn ich mir vorgenommen habe, mich einigermaßen normal zu geben, würde es letztendlich so oder so darauf hinauslaufen, dass sie es irgendwann bemerkten, wie anders ich war. Ich habe schon immer alles auf meine Art gemacht. Davon hatte mich nie etwas abhalten können. Auch nicht die Tatsache, dass dies potentielle Freunde zuverlässig von mir fernhält.

Denn wer gibt sich schon gerne mit dem Mädchen ab, das ihren Lippenstift als Lidschatten verwendet, sich regelmäßig die ungewöhnlichsten Haarschnitte verpasst und selbstgenähte Kleider aus alten Hemden ihres Vaters trägt?

Eigentlich ist es mir auch ziemlich egal, wer sich mit mir abgeben will und wer nicht. Aber Freunde braucht man nun mal. Einerseits aus gesundheitlichen Gründen - keine Freunde zu haben ist so schädlich für die Psyche wie dreizehn Zigaretten am Tag für die Gesundheit - andererseits, um in der Schule zu überleben. Man braucht jemanden, den man zur Not fragen kann, was man als Hausaufgabe gemacht hat, wenn man in der letzten Physikstunde mal wieder gepennt hat. Man braucht jemanden, der mit einem in die Gruppe geht, wenn die Lehrerin mal wieder besonders pädagogisch wird und zur Gruppenarbeit auffordert. Man braucht jemanden, der einem die Arbeitsblätter mitnimmt, wenn man krank ist, jemanden, der die Mitschüler mit bösen Blicken vom Lachen abhält, wenn man sich beim Referat verhaspelt, jemanden, der einem in der Mensa einen Platz freihalt und einem bei Ausfragen einsagt, wenn man keine Ahnung hat.

Ich habe nie wirklich den Wunsch gehabt, mehr Freunde zu haben als die paar Leute, die mein nicht normkonformes Verhalten akzeptierten. Aber Rückendeckung ist überlebenswichtig. An meiner letzten Schule habe ich das deutlich zu spüren bekommen.

8.11.15 00:44, kommentieren